Früher warteten Winzer darauf, dass ihre Trauben endlich reif wurden. Heute müssen sie manchmal aufpassen, dass sie ihnen nicht davonreifen.
Die Weinlese 2026 hat ungewöhnlich früh begonnen. Im Rheingau wurden teilweise schon Mitte August die ersten Trauben gelesen. Wärme und Trockenheit haben die Reife beschleunigt und damit eine alte Aufgabe der Winzer verändert. Denn reifer ist nicht automatisch besser.
Mit zunehmender Reife steigt der Zuckergehalt der Trauben und damit später auch der mögliche Alkohol im Wein. Gleichzeitig kann die Säure zurückgehen. Gerade bei einem Riesling, dessen Frische und Spannung einen großen Teil seines Charakters ausmachen, wird deshalb der richtige Zeitpunkt für die Lese immer wichtiger.
Während manche Rebsorten unter diesen Bedingungen früher gelesen werden müssen, profitieren andere von der zusätzlichen Wärme. Merlot, Cabernet Sauvignon oder Syrah, die man lange eher mit südlicheren Weinregionen verbunden hat, finden inzwischen auch in Deutschland gute Bedingungen. So verändert sich langsam, was in unseren Weinbergen wächst und was später in unseren Gläsern landet.
Vielleicht besteht die Kunst des Winzers heute deshalb manchmal nicht mehr darin, auf die Reife zu warten, sondern ihr einen Schritt voraus zu sein.