Amarone verstehen — Was macht diesen Wein groß ?

Von Stefan Chianese · Aus dem Weingarten Journal

Ein Amarone ist kein Wein zum Runterkippen. Er ist ein Wein, der Zeit braucht — beim Machen, beim Trinken, beim Verstehen. Wer das einmal begriffen hat, versteht auch, warum die Flasche zwischen 30 und 60 Euro kostet.

Der Anfang: getrocknete Trauben

Nach der Lese im Oktober werden die Trauben — Corvina, Rondinella, Corvinone — nicht sofort gekeltert. Sie kommen in luftige Holzkisten und trocknen drei bis vier Monate.

Man nennt das Appassimento. In dieser Zeit verliert die Traube rund vierzig Prozent ihres Wassers. Zucker, Aromen und Tannine konzentrieren sich. Was übrig bleibt, hat mit der ursprünglichen Traube kaum noch etwas gemein.

Die Gärung: langsam, kalt, geduldig

Erst im Januar oder Februar wird gekeltert. Der Most ist dick, süß, konzentriert. Die Gärung dauert Wochen statt Tage — bei niedrigen Temperaturen.

Ergebnis: fünfzehn bis sechzehn Prozent Alkohol. Kein Wein für zwischendurch — einer, der einen Anlass braucht.

Die Reifung: das Fass entscheidet

Was den Amarone endgültig zu dem macht, was er ist, sind die Jahre danach. Mindestens zwei Jahre im Holzfass — bei den Reserven fünf oder mehr.

In dieser Zeit passiert eine langsame Verwandlung. Kirsche wird zu Backpflaume, Brombeere zu Feige. Es kommen Noten von Kakao, Leder, Tabak. Das Tannin wird geschmeidig. Der Wein wird groß.

Woran man einen guten Amarone erkennt

Balance. Hoher Alkohol, hohe Konzentration — trotzdem darf der Wein nicht schwer wirken.

Aromatik. Süß-getrocknete Kirsche, ja. Aber auch: schwarzer Pfeffer, Bitterschokolade, Waldboden. Vielschichtigkeit.

Länge. Ein Amarone soll lang nachklingen — zwanzig, dreißig Sekunden. Kürzer ist enttäuschend.

Ein guter Amarone kostet Geld. Zwanzig Euro sind das Minimum, gute Vertreter liegen bei dreißig bis fünfzig. Wer einen Amarone für zehn Euro anbietet, verkauft keinen Amarone.

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